Weltreligionen - Krankenhaus der Barmherzigen Brüder am 26. Februar 2016

WELTRELIGIONEN - Exkursionsreihe zu Orten religiöser Begegnung 

In der Aula des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder (1020 Wien, Johannes v. Gottplatz 1) trafen am 26. Februar 2016, um 16:00 Uhr 24 Personen zusammen und warteten auf die Führung durch Prior Frater Saji MULLANKUZHY OH.
Dieser kommt aus dem Dorf Kannur im Norden Keralas - einem Bundesstaat im Südwesten Indiens. Er stammt aus einer sehr christlichen Familie und verbrachte die gesamte Schul- und Jugendzeit bis zur Matura bei den Salesianern Don Boscos. In seiner Umgebung gab es viele andere Religionen wie z.B. den Islam und den Hinduismus. Dadurch ist Frater Saji multireligiös aufgewachsen und hatte von Kindheit an Verständnis für andere Religionen – vor allem aber für die armen und kranken Menschen. Ein Salesianerpater hat die Internatsgruppe immer wieder zur Hilfe in ein Altenpflegeheim mitgenommen, wodurch sein Berufswunsch grundgelegt wurde. Nach dem Ordenseintritt 1999 hat Pater Prior die Grundausbildung für den Orden absolviert und ist 2004 nach Wien gekommen, lernte da zunächst die deutsche Sprache, erhielt 2008 das Krankenpflegediplom und studierte Theologie. Nach einer Zeit im Konvent in Linz, wo er die Gebärdensprache lernte, wurde er am 7. März 2014 in die Funktion des Priors des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien berufen.

Auffallend in der Empfangshalle sind die sehr groß geschriebenen Worte „Das Herz befehle“. Johannes von Gott, der Ordensgründer hat diesen Satz auf dem Haus in Granada, wo er begonnen hat Kranke zu pflegen, gesehen und als Leitsatz gewählt. Im Laufe der Zeit wurde „Gutes tun und das gut tun.“ ebenfalls ein Richtung weisender Satz. Johannes von Gott wurde am 8. März 1495 in Mortemor-o-Novo (Portugal) geboren und hat zunächst ein sehr abenteuerliches und leichtfertiges Leben geführt. Er war unter anderem Schafhirte, Soldat, arbeitete an den Festungsbauten in Gibraltar und war schließlich Hausierer.

Als der berühmte Bußprediger Johannes von Avila nach Granada kam und am Sebastianitag (20.01.1537) eine von glühender Begeisterung getragene Predigt hielt, war er wie von einem Blitz getroffen und verlor das innere Gleichgewicht. Man hielt ihn für verrückt und brachte ihn in ein Irrenhaus. Die Erfahrungen, die er dort machte, prägten sein weiteres Leben. Damals betrachtete man die Ärmsten aller Armen als von bösen Geistern besessen, sperrte sie in einen Käfig, überschüttete sie mit heißem und kaltem Wasser und prügelte sie. Er hat genau erkannt, dass diese Menschen der Liebe bedürfen. Johannes begann zunächst in Granada unter dem Torbogen einer Hofeinfahrt Kranke zu versorgen. Durch die Pflege des Leibes gelangte er zur Seele der Patienten. Sie mussten für die Behandlung nichts bezahlen. Um die Kosten abzudecken, ging er dann betteln. Mit dem Ruf „Tut Gutes, Brüder!“ verkaufte er Brennholz, sammelte Nahrungsmittel, Kleider, Decken und Geld. Im Herbst 1539 stellte man ihm ein Haus in der Lucenagasse in Granada zur Verfügung, später übersiedelte er in ein aufgelassenes Karmelitinnen-Kloster. Die Arbeit nahm einen solchen Umfang an, dass Johannes sie nicht mehr allein zu bewältigen vermochte. Bald fand er auch einige Männer. Sie nannten sich die barmherzigen Brüder. Zu Lebzeiten des Johannes war das aber keine Ordensgründung. Er fühlte sich als Tertiar des Franziskanerordens. Der Bischof von Tuy nannte ihn Juan di Dios, weil nur ein von Gott Gesandter so eine Aufgabe bewältigen könne.
Johannes von Gott starb am 8. März 1550. Seinem Sarg folgten viele Menschen unter anderem auch Mohammedaner (wie man Muslime damals nannte), denn er hatte in der Krankenpflege nie Unterschiede religiöser Natur gemacht.

1571 bekamen die Brüder die Anerkennung vom Papst. 1586 wurden sie zum Orden erhoben nach der Regel des hl. Augustinus.

In einem Brief schrieb Johannes von Gott:
„Liebt unseren Herrn Jesus Christus über alles auf der Welt, denn wie viel Ihr ihn auch liebt, er liebt Euch mehr, er übertrifft Eure Liebe. Bleibt immer in der Liebe, denn wo keine Liebe herrscht, ist Gott nicht – wenngleich Gott überall ist.“

1690 wurde Johannes von Gott heiliggesprochen.

In Wien wurden Kloster und Krankenhaus mit 12 Betten 1614 von Frater Gabriel Ferrara OH (einem hoch angesehenen Chirurgen aus Italien) gegründet.
Die Tätigkeit der Barmherzigen Brüder in der Krankenpflege und auch das soziale Engagement bewahrten sie in späteren Jahren unter Joseph II. vor der angeordneten Klosteraufhebung.
Auch nach einer fast 500jährigen Ordensgeschichte und der 400-jährigen Anwesenheit in Österreich hat sich an den Aufgaben der Barmherzigen Brüder und deren Notwendigkeit nichts geändert. Not, Elend und Bedürftigkeit gibt es noch immer.

Die Barmherzigen Brüder sehen ihren Auftrag auch heute darin, fachlich und qualitativ beste Voraussetzungen für eine optimale ganzheitliche Betreuung der Menschen zu schaffen und im wahrsten Sinn spirituell-menschliche „Impulsgeber“ für eine gelebte und erlebbare Hospitalität zu sein bzw. Jesus Christus im geringsten Bruder (Mt 25,40) zu begegnen.

Die Leitung des Krankenhauses erfolgt auf kollegialer Basis: Prior – Gesamtleitung - ärztliche Leitung – Pflegeleitung - kaufmännische Leitung.
Rechtsträger des Krankenhauses ist der Konvent. Derzeit sind im Konvent Wien mit dem Prior insgesamt 10 Mitbrüder. Die Ordensprovinz umfasst Österreich, Ungarn, Slowakei und Tschechien. Außerdem sind die Barmherzigen Brüder weltweit in über 50 Staaten präsent.

Wie Pater Prior Saji ausführte, verfügt das Krankenhaus über 411 Betten (davon 84 der Sonderklasse) und beschäftigt ca. 950 Angestellte. Es gibt 2-, 3- und 4-Bettzimner ohne Fernsehgeräte, aber dafür Aufenthaltsräume für Raucher und Nichtraucher.
Das Krankenhaus hat 9 medizinische Abteilungen und 2 Institute, eine Zahnambulanz und ein interdisziplinäres Brustgesundheitszentrum. Eine Besonderheit stellt die Gehörlosenambulanz dar. Seit 2007 gibt es im Krankenhaus eine Dialysestation mit zehn Behandlungsplätzen. 3mal in der Woche werden in drei Schichten pro Tag Behandlungen durchgeführt, die jeweils 3-4 Stunden dauern.
2009 folgte ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Barmherzigen Brüder: die Eröffnung des Wiener Dialysezentrums in Wien Donaustadt. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt des Wiener Krankenanstaltenverbundes mit der Wiener Gebietskrankenkasse und den Barmherzigen Brüdern und ist Europas modernstes und größtes Dialysezentrum mit 72 Betten sowie Dialysegeräten. Es bietet im 3-Zyklusbetrieb Kapazität für 430 Patienten.
Seit 2011 wurde die Augentagesklinik mit 11 Betten vorwiegend für Katarakt Operationen in Betrieb genommen. Das 2012 geschaffene Schlaganfallzentrum bietet 7 Akutbetten, 16 Betten in der Frührehabilitation inkl. 7 Überwachungsbetten. Der Wiener Rettung wird täglich eine fixe Anzahl von freien Betten zur Verfügung gestellt.
Es gibt keine Orthopädie, Geburtsabteilung und Unfallabteilung.
Seit 2005/2006 sind die Barmherzigen Brüder Lehrkrankenhaus der Medizinischen Universität und führen eine eigene Krankenpflegeschule. Studierende können sowohl die Berufsberechtigung für den gehobenen Dienst als auch einen universitären Abschluss (Bachelor of Sience in Nursing) erlangen.
Die Armenambulanz wird durch Spenden (wie die Haussammlung) erhalten.
In der Zahnambulanz werden nur Zähne gezogen.

Der Spitalsrundgang führte zunächst in die Patientenbibliothek, die immer außer an Sonn- und Feiertagen von 13.30 – 17 Uhr geöffnet ist und einen Kommunikationspunkt darstellt. Sie wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern, Mitbrüdern und Geistlichen Schwestern betreut.

Von der Dachterrasse im 5. Stock hatten wir einen wunderschönen Ausblick auf den Spitalskomplex und über die Dächer von Wien, den Stephansdom und zahlreiche andere Kirchen, Riesenrad und Kahlenberg.

Der Schwesterstützpunkt ist „papierfrei“. Lediglich Befunde und Überweisungen werden schriftlich gemacht. Bei den Visiten geht immer jemand mit einem Computer mit.

Die Kapelle zur Hl Familie ist ein tonnengewölbter Raum mit Apsis im 2. Obergeschoß in der Großen Mohrengasse. Sie hat ein Glasfenster „Johannes von Gott heilt Kranke“ sowie ein Glasfenster der Hl. Familie. An der linken Seite befinden sich mehrere Malereien zum Thema Krankenheilung.
Abends findet dort um 17.45 Uhr eine Vesper und um 18.30 Uhr eine hl. Messe statt. In der Früh ist hl. Messe und Morgengebet für Brüder, das Seelsorgeteam, Geistliche Schwestern und  für die Gläubigen in der Kloster Kirche der BHB Taborstraße 16.

Die Brüder stehen immer für Gespräche zur Verfügung.

In Österreich gibt es derzeit keinen Ordenseintritt mehr. In Indien ist das Tätigkeitsfeld vielfältig - nicht nur auf Spitäler beschränkt. Der Orden ist dort aber weniger verbreitet. Es gibt 42 Brüder und 7 Einrichtungen. 

Der schönste Raum (im Konventbereich) ist das Refektorium, das allerdings ursprünglich für eine größere Anzahl von Brüdern gebaut worden ist. Derzeit nehmen dort 10 Brüder und ein Kandidat aus Kroatien die Mahlzeiten ein.
Als Gäste wurden auch wir sehr großzügig bewirtet.

Wer sich für den Ordensberuf interessiert, kann als „Interessent“ im Konvent eine Zeitlang mit den Brüdern mit leben. Anschließend kann er in Graz als Postulant in das Ordensleben eingeführt werden. Bei positiver Entscheidung folgt die Einkleidung. Nun beginnt das Noviziat, das 2 Jahre dauert. Mit der einfachen Profess bindet sich der Novize für ein Jahr. Es fallen dann die Entscheidungen über seine weitere Ausbildung und nach 5 Jahren kann die ewige Profess abgelegt werden. Die Gelübde sind ehelose Keuschheit, Armut, Gehorsam und Hospitalität (Christliche Gastfreundlichkeit).

Die Klosterkirche mit einem Eingang von der Taborstraße ist Johannes dem Täufer geweiht. Mit dem Bau wurde 1622 begonnen. 1655 fielen Kirche und Kloster einem Brand zum Opfer. 1677 bekam der Konvent von Kaiser Leopold I. das Gnadenbild „Jesus, Maria und Joseph“. Im August 1682 wurde die Kirche durch den Schottenabt Johannes geweiht und ein Jahr später bei der Türkenbelagerung wieder zerstört. Die Türken verwendeten die Kirche als Pferdstall, raubten die Kirchenglocken und brandschatzten das Haus. 1694 konnte die Kirche neuerlich geweiht werden.

Abraham a Santa Clara predigte auch in der Ordenskirche. Nach vielfältigen Umbauarbeiten am Presbyterium und dem Turm war die Kirche zur 375 Jahrfeier wieder in neuem Glanz. Sie ist einschiffig mit einem Gurtgewölbe und je drei Seitenkapellen. Der Hochaltar ist ein barocker Wandaltar. Das Altarbild von Daniel Gran zeigt die Taufe Jesu. Neben den Erzengeln Michael und Raffael sind die Figuren von Joachim und Anna sowie von Zacharias und Elisabeth zu sehen. Viele Bilder und eine Madonna aus Marmor sind gespendet worden. Rechts die erste Kapelle ist Johannes von Gott gewidmet.
Auf der 1763 erbauten kostbaren Orgel hat auch Joseph Haydn gespielt. Eine Gedenktafel befindet sich an der Außenwand der Kirche.

Nach einem kurzen Gebet mit Segen wurden wir von Pater Prior verabschiedet.
Wir erhielten dann noch eine Stofftragetasche mit interessanter Lektüre über die Barmherzigen Brüder und kleinen Geschenken. Vielen herzlichen Dank!

Viele versäumten nicht, auch noch die alte Apotheke neben der Kirche anzuschauen.
Es war eine sehr beeindruckende Exkursion.

Wien, im Februar 2016
Helene Hornich und Helene Spitalsky

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