Weltreligionen - Islamischer Friedhof am 19. Mai 2016

WELTRELIGIONEN-Exkursionsreihe
zu Orten religiöser Begegnung –
Islamischer Friedhof,
Großmarktstrasse 2, 1100 Wien

Am 19. Mai waren es 15 Personen, die den Islamischen Friedhof, der seit 2008 besteht, besuchten. Herr Ali Ibrahim erwartete uns. Er ist aus Ägypten mit seinen Eltern nach Österreich gekommen und  hat zunächst als Zeitungsverkäufer gearbeitet. Nun lebt er schon 36 Jahre in Österreich, seine Kinder sind hier geboren und haben hier studiert. Sie fühlen sich als Österreicher. Er betreut den Friedhof ehrenamtlich und erwartet dafür dereinst die Belohnung im Paradies.
Die Aufbahrungshalle ist sehr groß und hat hohe Fenster, die den Himmel in den Raum integrieren. An diesem Ort begann Herr Ibrahim mit seinen Ausführungen.
Wie er erzählte haben Muslime ihre Verstorbenen zunächst trotz hoher Kosten in ihre alte Heimat überführen und dort begraben lassen. Später wurde ein Bereich am Zentralfriedhof für Muslime bereitgestellt. Wegen der sehr aufwändigen rituellen Waschungen, war diese Möglichkeit aber nicht zufriedenstellend.  Man bemühte sich insgesamt 24 Jahre um einen eigenen Friedhof, obwohl die gesetzliche Anerkennung in Österreich bereits seit 1912 besteht. In unserem Land gibt es mehr als eine halbe Million Muslime, weltweit sind es 1,7 Milliarden.
Schließlich stellte die Gemeinde Wien ein 3 ½ ha großes Grundstück in der Großmarktstrasse am Stadtrand kostenlos zur Verfügung. Das Begräbnisfeld bietet Platz für ca. 4500 Gräber. Die notwendigen Geldmittel kamen über Bemühung des ehemaligen Präsidenten der IGGiÖ (= islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) Anas Schakfeh aus dem Opec-Fonds mit€  200.000 sowie aus Katar € 500.000 und weiteren Spenden.
Die österreichische Bevölkerung war zunächst gegen die Errichtung des Friedhofes. Es gab auch einige Anschläge (Glasscheiben wurden kaputt gemacht, der Zaun mit Kreuzen beschmiert) bzw. machten die Anrainer  Unterschriftenaktionen, um die Errichtung des Friedhofes zu verhindern.
Die nebeneinander liegenden Gräber sind Richtung Mekka gerichtet, großteils unauffällig gehalten und mit Blumen bzw. schlichten Grabsteinen verziert – manche tragen kleine Länderfahnen. Die Toten stammen aus Ägypten, Algerien, Türkei, Irak, Nigeria, Bosnien und vielen anderen Ländern. Die erste Bestattung fand im Frühjahr 2009 statt. Vor allem junge Gläubige denken über eine Beerdigung in Österreich ernsthaft nach und ältere Personen folgen diesem Beispiel.
Die Kosten für ein Begräbnis am islamischen Friedhof sind verhältnismäßig gering. Sie beginnen bei € 2700 pro Beerdigung. Wenn eine Familie diese Kosten nicht selbst tragen kann, helfen islamische Vereine durch Sammeln von Spenden.
Die Wiener Bestattung ist Kooperationspartner.
Herr Ibrahim betonte nachdrücklich: Wir sind nicht für Alkaida und andere Terrororganisationen. Selbstmordattentäter sind keine Märtyrer sondern Mörder. Böses reden ist eine Sünde. Wir beten 5x am Tag und sind dankbar für die Schöpfung. Nach dem Tod gibt es ein wieder auferstehen. Wir müssen Rechenschaft geben für unser Leben.
Wir glauben auch an Mose, Jesus und die Bibel. Maria ist im Koran die heiligste Frau der Welt.
Herr Ibrahim meinte: Das Leben ist sehr kurz. Wo das Paradies ist wissen wir nicht. Viele Muslime nehmen ihren Glauben sehr ernst. Wir sind verpflichtet allen Menschen zu helfen und Gutes zu tun.
Anschließend an seine Ausführung zeigte uns Herr Ibrahim noch die Aufbahrungshalle und den Ort für die Gebete sowie die Räume für die Waschungen, die mehrmals vorgenommen werden. Man bemüht sich lauwarmes Wasser zu verwenden und Duftöle sind auch ein Zeichen für die große Achtung vor dem Verstorbenen. Abschließend wird der Tote in ein weißes Leinentuch gehüllt. In Österreich verwendet man dann noch einen Sarg.
Bevor wir den Friedhofsteil mit den Gräbern betreten haben, machte uns der Führer aufmerksam, dass hier noch Gebete für die Verstorbenen verrichtet werden. 

Wir dankten Herrn Ali Ibrahim für seinen engagierten Vortrag, bei dem wir Einblick in die Begräbnisrituale der Muslime bekommen haben, was auch zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beigetragen hat.
Wir waren sehr beeindruckt.

Wien, im Juli 2016
Helene Hornich und Helene Spitalsky

Veranstaltungen