Weltreligionen - Zeugen Jehovas am 08. April 2016

WELTRELIGIONEN - Exkursionsreihe zu Orten religiöser Begegnung

ZEUGEN JEHOVAS, Königreichssaal - Holzknechtstr.68, 1100 Wien

Am 8. April 2016 waren wir eine Gruppe von 16 Personen, die sich auf den Weg zum Königreichssaal in der Holzknechtstrasse 68 machte. Wir wurden von Herrn David Vladar und einer Gruppe Glaubensangehöriger von Jehovas Zeugen (wie die Gemeinschaft sich selbst bezeichnet) bereits erwartet.
Bei seiner Begrüßung betonte Herr Vladar, dass sich der Begriff Königreichssaal von „Reich Gottes“ ableitet. Weltweit gibt es 118.016 solche Versammlungsräume. Vorort befinden sich 2 große Säle und 2 kleinere Räume. Dort werden 2x in der Woche Vorträge gehalten, gebetet und gesungen. Abendmahlsfeier findet nur in der Osterzeit statt.
Die Religionsgemeinschaft wird von freiwilligen Spenden finanziert. Es gibt 8,2 Mill. aktive Mitglieder, darunter befinden sich sowohl getaufte als auch ungetaufte Personen, die sich dem biblischen Lehrwerk verpflichtet haben, davon mehr als 21.000 in Österreich. Die ZJ sind die fünftgrößte Religionsgemeinschaft in unserem Land.
In seinem Vortrag mit Powerpoint Präsentation versuchte Herr Bernhard Brabenec die nicht sehr zahlreich vorhandenen Dokumente der ZJ möglichst neutral aufzuarbeiten und uns einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung zu geben. Theologische Aspekte hat er so weit als möglich beiseite gelassen. Er verwies darauf, dass die ZJ keine Abspaltung einer adventistischen Bewegung sind und auch nicht  - wie im Brockhaus steht – von dem amerikanischen Kaufmann namens Charles Taze Russell in den 1870er Jahren gegründet worden sind, wenngleich der Genannte eine außergewöhnliche Funktion innehatte.
Erst ab 1931 wird der Name „Jehovas Zeugen“ gebraucht, gestützt auf Jesaja 43,10. Die gleiche Bewegung nannte sich davor ab ca. 1880 „Bibelforscher“ (Bible Students oder International Bible Students). Aber auch die Bibelforscher wurden nicht mit einem Stichtag oder von irgendwem gegründet, sondern sind die Fortsetzung einer anderen religiösen Bewegung, möglicherweise vielleicht sogar eine Fusionierung von zwei Gruppen und zwar nannte man sich davor ab ca. 1850 „Age to Come“ (kommendes Zeitalter) bzw. „One Faith“ (der eine Glaube). Würde man die Entwicklung weiter zurückverfolgen, dann kommt man darauf, dass sie sich davor „Literalists“ (Literaten) nannten und irgendwo schließt sich der Bogen zu den ersten Christen.
Wie der Vortragende weiter ausführte, waren diese früheren Bewegungen wenig strukturiert. Sie waren vielmehr ein loser Zusammenschluss Gläubiger, ähnlich wie die christlichen Freikirchen heute, wo es egal ist, welcher Religionsgemeinschaft man angehört. Man konnte auch „Parallel laufen“. Es gab keine regelmäßigen Treffen, wie z.B. jede Woche etc. Man hat die Bewegung immer mehr organisiert und versuchte die Einheit zu stärken, wobei die Grundlehren, wie z.B. „Wer ist der wahre Gott?“ oder „Was passiert beim Tod?“ immer gleich blieben. Nur Detailerkenntnis und Verständnisse bzw. Anschauungen zu gewissen religiösen Punkten änderten sich. Russel war demnach kein Erfinder von etwas Neuem, sondern hatte selbst religiöse Lehrer, die aus der „Age to Come“- Bewegung kamen. Er wollte vielmehr die religiöse Wahrheit herausfinden und gründete ca. ab 1870 in Pittsburgh einen Bibelkreis mit Personen, die ebenfalls von „Age to Come“ kamen. In dieser Bibelrunde betrachtete man Themen systematisch anhand von Bibelstellen. Hilfreich dabei waren Abhandlungen die bis zu diesem Zeitpunkt in den Zeitschriften „Restitution“ oder „Bible Examiner“ und anderen Publikationen erschienen waren.
Seit 1823 hat man das Jahr 1914 als besonderes Datum biblisch errechnet. Man erwartete in diesem Jahr die Aufrichtung des himmlischen Reiches Gottes. Auf Grund dieser Erkenntnisse war man motiviert (gemäß Matthäus 24,14 und 28,19, 20) die Gute Nachricht von Gottes Königreich zu verkünden. Es war das Vermächtnis von Russell einen weltweiten Predigtfeldzug zu organisieren. Diesen Auftrag haben die ZJ bis zum heutigen Tag sehr ernst genommen.
1879 wurde die Zeitschrift „Zions Watch Tower“ (Der Wachturm) veröffentlicht.
Heute – wie der Vortragende sagte -  die am weitesten verbreitete religiöse Zeitschrift mit einer Übersetzung in mehr als 250 Sprachen pro Ausgabe und einer Auflage von 54 000 000 Stück.
Diese Zeitschrift wurde von 6 Autoren gegründet, Charles T. Russell aber als Herausgeber angeführt, weil er die Geldmittel zur Verfügung stellte. Es war aber nie Russells alleiniges Werk.
Im Februar 1881 wurde als Rechtsinstrument eine Verlagsgesellschaft WTBTS gegründet. Diese Gesellschaft hatte einen Vorstand mit Beamten und später Direktoren, wie es gesetzliche Statuten vorsehen. Der Repräsentant nach außen ist der Präsident. 1. Präsident war William Henry Conley (einer der Lehrer von Russell). Russel war die treibende Kraft in der Missionstätigkeit unterstützt von ein paar hundert anderen Kolporteuren.
Im Juli 1881 wurde der erste Missionar nach England und Irland entsandt – nämlich John Corbin Sunderlin. So hat man Schritt für Schritt versucht in anderen Ländern Fuß zu fassen. Die Vorgehensweise war immer die gleiche: Man veranstaltete öffentliche Vorträge um Aufmerksamkeit zu bekommen und Menschen, die Interesse zeigten, wurden dann weiter betreut. So entstanden viele Gruppen oder Versammlungen.
1887 wird ein erster Bezug zu Österreich berichtet, nämlich dass ein in London lebender Österreicher sich den Bibelforschern anschloss.
1891 unternahm Russell mit seiner Frau Maria Reisen durch Europa, konnte aber keine Bereitschaft für die Botschaft finden.
1898 wurden Erfolge durch eine einflussreiche Frau in Österreich berichtet. Das wieder rief den Widerstand der katholischen Kirche bzw. von Österreich –Ungarn hervor, was sich nach Meinung des Vortragenden auch heute nicht viel geändert hat.
1875 haben Russell und seine Gefährten das Thema Zionismus aufgegriffen. Es geht um die Wiederherstellung und Rückführung der Juden ins gelobte Land. Da es in der Bibel viele Hinweise auf ein solches Ereignis gibt, sahen die  Bibelforscher diese Entwicklung vor allem im Hinblick auf das Jahr 1914 mit großem Interesse. Mehrere religiöse Schriften auch in Jiddisch wurden veröffentlicht.
Auf politischer Seite war der Wiener Theodor Herzl einer der führenden Köpfe. Er publizierte ab 1897 die periodische Druckschrift „Die Welt“, wo die neuesten Entwicklungen und Pläne der jüdischen Bevölkerung festgehalten wurden. 1899 gründete er den Finanzfond „Jewish Colonial Trust“, damit Geldmittel vorhanden wären, wenn die Juden Palästina wieder in Besitz nehmen.
Bei einer Veranstaltung in Wien im Hotel Continental, Praterstrasse 7 zum Thema „Zionismus in der Prophezeiung“ kam es aber zu Tumulten, sodass die Polizei den Saal räumen musste. Der eigentliche Auslöser war allerdings, dass Russell die „Herzl-Marke“ – eine Nationalfondsmarke – anstelle von Herzls Konterfei durch sein Bild ersetzte, was als Urkundenfälschung gesehen wurde. Russell hatte aber seine Sympathie für die zionistische Bewegung zum Ausdruck bringen wollen. Die Juden dachten, sie sollten zum Christentum bekehrt werden. Russell war aber der Ansicht, dass echte Juden keine Christen werden müssten.
1914 wurde der in der Schweiz lebende Österreicher Max Meyer-Freschel nach Österreich entsandt. Er versuchte vor allem in den Judenvierteln Personen zu erreichen. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges verließen er und ein Begleiter wieder Österreich. Zurück blieb nur eine einzige Bibelforscherin im 12. Bezirk.
Nach dem Krieg 1920 übernahm das zentraleuropäische Büro in der Schweiz die Missionierung in Österreich. Wieder versuchte man mit öffentlichen Vorträgen Interesse zu gewinnen. 1921 wurden die Sofien Säle angemietet. Dieses Mal waren die Zielgruppe nicht Juden sondern Christen. Thema war „Die Welt ist am Ende – Millionen jetzt Lebender mögen nie sterben“. Der Redner war Paul Balzereit.
Auf Grund der positiven Resonanz kam es in ganz Österreich zu weiteren Missionierungen.
1922 kam der Nachfolger Russells als Präsident der WTBTS Joseph F. Rutherford nach Wien, wo er vor 4000 Personen sprach. Diese Veranstaltung wurde von den Jesuiten gestört und musste abgebrochen werden.
Die 1. Taufe fand am 5. Juli 1922 im Römerbad statt. ZJ taufen nur Erwachsene.
Ab 1925 waren die ZJ in Wien, Deutsch Wagram, St. Pölten, Graz, Klagenfurt, Linz, Bischofshofen, Salzburg, Innsbruck und Dornbirn etabliert.
Ab 1933 gab es wieder Schwierigkeiten. 1935 wurde die Wachturmgesellschaft verboten. Das Eigentum musste verkauft werden. Ab 1945 als viele ZJ aus den Konzentrationslagern zurückkamen, hat man wieder begonnen Zusammenkünfte zu organisieren. Seit 1947 ist die Wachturm Gesellschaft als Verein gesetzlich eingetragen.
Als Herr Brabenec seine geschichtliche Zusammenfassung beendet hatte, bestand die Möglichkeit noch Fragen zu stellen, was die Anwesenden gerne annahmen.
Seit 11. Juli 1998 waren die ZJ als staatlich eingetragene Bekenntnisgemeinschaft anerkannt bzw. seit 7. Mai 2009 eine in Österreich staatlich anerkannte Religionsgesellschaft.
ZJ feiern kein Weihnachtsfest, weil der genaue Geburtstag von Jesus nicht bekannt ist und mit dem 24.12. ein heidnisches Fest übernommen wurde.
Zu Ostern steht nicht die Auferstehung im Mittelpunkt sondern der Tod Jesu und in Verbindung damit das letzte Abendmahl.
JZ gehören nicht dem Ökumenischen Rat der Kirchen an. Es gibt aber eine Zusammenarbeit. Es wird die „Neue Welt“ Übersetzung der Bibel verwendet.
Die Weltzentrale der ZJ befindet sich im Stadtteil Brooklyn von New York City.
7 Älteste bilden eine leitende Körperschaft, die für die Bibelauslegung und die religiöse Praxis verantwortlich sind. 2x pro Woche treffen sich etwa 100 Personen, die eine Versammlung bilden, hier vor Ort. Die Predigt-Tätigkeit wird ebenso vor Ort für diese Versammlungsgruppe organisiert. Es wird gesungen und gebetet. Jede Gemeindeleitung hat mehrere Älteste, wobei der Reifegrad einer Person auschlaggebend ist und weniger ein fortgeschrittenes Alter.
Es gibt auch reisende Älteste (wie Paulus in der Urgemeinde). Es werden durch sie Ernennungen vorgenommen. Die religiöse Erziehung ist Sache der Eltern.
Es gibt keine theologische Hochschule sondern Bibelkurse. Die Hingabe an Gott besteht zwischen der Einzelperson und Gott. Der Gläubige kann auch mit einem Ältesten sprechen und gemeinsam beten.
Bluttransfusionen werden abgelehnt. Es gibt aber Ausnahmeregelungen, wenn sie gesetzlich bei Kindern erzwungen wird. Die Trinitätslehre wird ebenso abgelehnt. Jesus hat nicht die gleiche Bedeutung wie Gott und der Hl. Geist ist keine Person sondern Gottes wirksame Kraft. Gebete dürfen nur an Gott durch Jesus als „Fürsprecher“ gerichtet werden. ZJ verweigern auf Grund ihres Bibelverständnisses den Militärdienst und nehmen keine politischen Ämter an.
Es war ein sehr angeregtes Gespräch, das wegen einer nächsten Veranstaltung leider beendet werden musste.
Wir danken für die Vorträge und die angeregten Gespräche sowie für die liebenswürdige Bewirtung mit Kaffee und Kuchen.

Wien, im April 2016
Helene Hornich und Helene Spitalsky

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