Baptistengemeinde am 23. Oktober 2015

WELTRELIGIONEN – Exkursionsreihe zu Orten religiöser Begegnung
BAPTISTENGEMEINDE – Mollardgasse 35

Am 23. Oktober 2015, 16 Uhr fanden sich 22 Personen vor dem Haus Mollardgasse 35, in dem sich das Gotteshaus und die Pfarrräume der Baptistengemeinde befinden, ein. Der Pfarrer Mag. Lars Heinrich hieß uns herzlich willkommen. Dieser ist aus Deutschland gebürtig und hat an zwei theologischen Fakultäten u.a. auch in Münster, in England und am theologischen Seminar der Baptisten in Deutschland studiert. Mag. Heinrich ist mit mehreren internationalen bzw. europäischen Organisationen (wie Bund der Baptistengemeinden in Österreich (BBGÖ), Europäische Baptistische Föderation (EBF), Europäische Baptistische Mission (EBM International), Baptistischer Weltbund (BWA), Bund der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland (BEFG), Hilfsverein der Baptisten, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche Österreich, Wiener Evangelische Allianz) vernetzt. Der Pastor ist auch in Georgien in der Ausbildung von Theologen und als Mediator tätig. Bei den Baptisten in Georgien hat man sogar bischöfliche Strukturen. Es gibt offizielle Kontakte zum Ökumenischen Rat der Kirchen Österreichs und zum Runden Tisch - Weg der Versöhnung und zur österreichischen Bibelgesellschaft, wo Mag. Heinrich Vorstandsmitglied und Schriftführer ist.
In Österreich gibt es ca. 1600 Baptisten (ordentliche Mitglieder; außerordentliche Mitglieder und Kinder werden nicht mitgezählt), Deutschland hat 80 000. Weltweit bilden die Baptisten die zweitgrößte Denomination nach der Katholischen Kirche. Die erste Baptistengemeinde Österreichs wurde 1869 in Wien gegründet. Nach Zeiten in wechselnden Räumlichkeiten konnte im Jahr 1924 auf dem Baugrund in der Mollardgasse 35 das Gemeindehaus errichtet werden. 2003 erfolgte der Umbau in ein modernes Gemeindezentrum. Die seit 146 Jahren bestehende internationale Gemeinde hat derzeit ca. 120 Mitglieder. Im Vorraum befindet sich ein beeindruckendes Bild, das ein Jugendlicher gemalt hat. Anhand der Ankündigungstafel erzählte uns der Pastor zunächst von den Aktivitäten seiner Gemeinde. Sonntag ist um 10 Uhr Gottesdienst für alle Altersgruppen; Kinder treffen sich zum Kindergottesdienst in drei altersgemäßen Gruppen, Teenager haben ebenfalls ein Treffen. Um 15 Uhr ist ein russischsprachiger und um 17 Uhr rumänischsprachiger Gottesdienst.

Die Kapelle wurde 2003 umgebaut und ist sehr schlicht gehalten.  Wie in reformierten Kirchen gibt es keine Bilder. Das Kreuz ist nur angedeutet. Im Gottesdienst findet die Lutherbibel oder die Einheitsübersetzung (Neues Testament und Psalmen), sowie die neueste deutsche Bibelübersetzung, die BasisBibel, Verwendung. Gottesdienste werden genau vorbereitet und dauern ca. 90 Minuten. Bibeltexte werden zeitgemäß ausgelegt; eine Predigt dauert ca. 25 Minuten.

Unter dem erhöhten Altarraum befindet sich das Taufbecken. Nach einer Taufkatechese werden mündige Personen durch untertauchen im Becken vom Pfarrer getauft und erlangen so die Mitgliedschaft in der Baptistengemeinde. Die Taufformel lautet: "Ich taufe dich auf das persönliche Bekenntnis deines Glaubens, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen." Am Sonntag (25.10.2015) werden zwei Erwachsene (30 Jahre alt) getauft. Säuglinge oder Kleinkinder werden im Rahmen eines Gottesdienstes in der Gemeinde gesegnet. Es gibt in der Regel keine Taufe vor dem Alter von 14 Jahren.

Sehr wichtig ist die Heiligungbewegung, d.h. das Leben ganz nach Christus ausrichten nicht nur einen Teil davon. Gott spielt nicht eine Rolle im Leben - er ist der Regisseur in unserem Leben.

Mag. Heinrich erzählte bei seiner Amtseinführung von einem neuen Pfarrer der bei der Kirchentür das Transparent befestigt hatte: „Eintritt nur für Sünder.“

Zunächst blieb der Pfarrer allein. Am nächsten Sonntag kamen ein paar Kirchenbesucher, weil sie sich Sünder anschauen wollten.  Nun meinte Mag. Heinrich  – aber ich bin jetzt da, damit ein Sünder unter euch ist! Es gibt immer Menschen mit Problemen. Was uns verbindet ist, dass wir von Gott geliebt sind. Und die "Moga" versteht sich als Gemeinde der zweiten Chance, wo Menschen neu mit Gott anfangen können.

In dieser Gemeinde sind Menschen aus 12 Nationen. Christus ist unsere Mitte und Gott spricht alle Sprachen. Spannungen muss man aushalten oder ausdiskutieren. Wir sind auch eine missionarische Bewegung. Viele Menschen im Alter von 20 – 30 Jahren haben sich aus den etablierten Kirchen verabschiedet oder besitzen gar keine religiöse Sozialisation mehr. Die Taufe ist eine bewusste Entscheidung für Jesus und er verwies auf die Perikopen in der Bibel, wo Paulus im Gefängnis ist und nach einem Erdbeben, bei dem das Gefängnis einstürzt, nicht flieht. Der Gefängniswärter, der sich über dieses Verhalten wundert, bekehrt sich dann zu Jesus (siehe Apg.16, 19 – 34) und die Bekehrung des Äthiopiers unter Apg. 8,26 – 40. Mag Heinrich meinte: Aber der Mensch ist auch gerettet, wenn er nicht getauft ist (Mk 16,16).

Ablauf des Gottesdienstes:
Beginn – Musik moderne christliche Lieder, aber auch alte Gesänge (es gibt 4 Musikteams)
Begrüßung
Bibelwort des Tages (Herrnhuter Losungen), Gebet, Lied,
Kinder kommen nach vor und sitzen auf dem Boden – die folgende Katechese ist auch für Erwachsene interessant.
Es folgen Informationen aus dem Gemeindeleben und über andere christlichen Kirchen des Bezirkes,
Lied, Predigt, Stille,  Lied, Gebetszeit, wo jeder frei formuliert,
Segenslied
Mahlfeier ist am 1. Sonntag im Monat, dabei nimmt man den Text aus 1 Korinther 11, 23-26 (oder die Berichte aus den synoptischen Evangelien)... "Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Ebenso nahm er....."
Die Einsetzungsworte werden vom Leiter des Abendmahls (Pfarrer oder eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter aus dem Abendmahls-Team der Gemeinde) gesprochen. 4 Personen assistieren, Brot wird selbst gebacken.  Zuerst wird allen Brot gereicht auch auf der Empore und dann der Wein. Es gibt 2 große Kelche mit Wein und 2 Tabletts mit kleinen Einzelkelchen mit Traubensaft.
Dann schauen wir zurück, was Christus für uns gemacht hat. Er erlöst mich von meiner Schuld, das erfahre ich jetzt, das ist für meine Zukunft wichtig. Man ist nie auf die Gemeinde getauft sondern auf Jesus Christus. Ein Drittel der Gemeinde sind Mitarbeiter.

Am Heiligen Abend ist um 16 Uhr Christvesper (Abendgottesdienst). Am 4. Adventsonntag gibt einen Familiengottesdienst (z.T. mit Krippenspiel). Bibeltexte sind wie bei der evangelischen Kirche.
Am liturgischen Gottesdienst am Karfreitag werden um 18 Uhr die Passionstexte gelesen und es wird Abendmahl gefeiert. Pastor Heinrich führte uns noch in den Jugendkeller. Während der Nazi-Zeit hat die Gemeinde (Pfarrer Arnold Köster) Juden versteckt und außer Landes gebracht. Als Dankbarkeit hat eine jüdische Familie der Gemeinde eine Menorah geschenkt, die jetzt in der Kirche am Altar neben der Bibel steht. Abschließend sahen wir noch die übrigen Pfarrräume.

Vielen herzlichen Dank an Pfarrer Mag. Lars Heinrich für seine freundliche Aufnahme und das beeindruckende Glaubenszeugnis für Jesus Christus und das Reich Gottes, das unsere gemeinsame Aufgabe sein kann.

Helene Hornich und Helene Spitalsky

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